„Schwebender“ im Dom von Güstrow

Ein Symbol der Erinnerung und Mahnung

Vor 80 Jahren wurde die Ernst-Barlach-Plastik „Schwebender“ als „entartete Kunst“ aus dem Güstrower Dom entfernt. Doch seit 1952 schwebt das Kunstwerk wieder und war sogar schon in London ausgestellt.

Die Plastik „Schwebender“ im Dom von Güstrow

Die Plastik „Schwebender“ im Dom von Güstrow Foto: Norbert Neetz / epd

von Anne-Dorle Hoffgaard

Güstrow. Augen und Mund geschlossen, die Arme vor dem Leib gekreuzt schwebt der bronzene "Engel" von Ernst Barlach (1870-1938) im Dom von Güstrow. Vor 80 Jahren, am 23. August 1937, wurde das Werk als "entartete Kunst" entfernt und 1941 von den Nationalsozialisten für neue Kanonen eingeschmolzen. Die evangelische Domgemeinde beging den Jahrestag mit einer Lesung. Um das "schmerzliche Geschehen" zwischen Begeisterung und Ablehnung zu verdeutlichen, wurden Texte aus den spannungsreichen Jahren zwischen 1927 und 1937 gelesen.

In ein knöchellanges Gewand gehüllt und mit erhobenem Kopf schwebt der "Engel" waagerecht im nördlichen Seitenschiff des Doms. Höchst konzentriert und völlig in sich ruhend wirkt die überlebensgroße Plastik. Ihr Gesicht trägt, ohne dass der Bildhauer sich das vorgenommen hatte, Züge der Künstlerin Käthe Kollwitz (1867-1945). Deren Sohn Peter war im Ersten Weltkrieg gefallen.

Zweitguss überdauerte NS-Zeit

Vor 90 Jahren, Ende Mai 1927, wurde der "Schwebende" im Dom als Ehrenmal zum Gedenken an die Toten des Ersten Weltkrieges der Öffentlichkeit übergeben. Barlach, der seit 1910 in Güstrow lebte, hatte die Plastik geschaffen und sich damit gegen Kriegsverklärung und Totenkult gewandt. Gut zehn Jahre hing das Mahnmal "schweigend und doch als machtvoller Zeuge des Grauens, als Stimme für den Schmerz und als Mahner gegen alles menschenverachtende Heroentum" in dem Backsteinbau, schreibt die Domgemeinde in ihrer Einladung.

Doch die Nazis schafften es nicht ganz, den "Schwebenden" zu vernichten. Der Kunsthändler Bernhard A. Böhmer (1892-1945) ließ 1939 einen Zweitguss erstellen, der in Schnega (Lüneburger Heide) in der Verborgenheit die NS-Zeit überdauerte und 1952 seinen Platz in der Antoniterkirche in Köln fand. Von ihm wurde nach dem Krieg eine neue Gussform gemacht, so dass der Drittguss entstehen konnte. Seit dem 8. März 1953 hat er seinen Platz im Güstrower Dom. Ein vierter Abguss hängt seit 1987 auf Schloss Gottorf in Schleswig.

Die Bronze-Figur im Dom gehört zur Sammlung der Güstrower Ernst-Barlach-Stiftung. Das Kunstwerk hat den Dom seit 1953 nur drei Mal verlassen: 1970 war es in Moskau und Leningrad sowie 1981 in Berlin zu sehen. Außerdem war die Figur einer der Höhepunkte einer Ausstellung über deutsche Geschichte und Kunst in London. Die Schau lief von Oktober 2014 bis Januar 2015 im British Museum und hatte mehr als 100.000 Besucher.

Britischer Besuch

Die Ausleihe nach London sei eine absolute Ausnahme gewesen und "auch ein Teil Versöhnungsarbeit zwischen unseren Völkern nach dem Zweiten Weltkrieg", sagt Dom-Pastor Christian Höser. Ob nach dieser Schau mehr Briten in den Güstrower Dom nach Mecklenburg gekommen sind, um den "Schwebenden" zu sehen, kann er nicht genau sagen. Es seien "auf jeden Fall mehr, die sich als Briten offenbaren" und auf die Ausstellung in London hin das Gespräch suchten.

Es kämen ohnehin sehr häufig Menschen wegen der Barlach-Plastik in den Dom, hat Höser beobachtet. Ein berühmter Besuch wurde dem "Schwebenden" am 13. Dezember 1981 abgestattet. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt wollte sich zum Abschluss seines DDR-Besuchs Ernst Barlachs markante Bronzeplastik ansehen. Begleitet wurde er dabei von Staats- und Parteichef Erich Honecker. (epd)

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