Neues Buch von Julian Sengelmann

Was es mit christlichen Feiertagen auf sich hat

Vom Advent über Ostern bis zu Pfingsten: Das neue Buch "Feiertag!" nimmt den Leser mit auf eine Reise durch das Kirchenjahr. Autor Julian Sengelmann ist Schauspieler und evangelischer Theologe. Im Interview spricht der Hamburger über den Stellenwert von Weihnachten und die Chance, die Feiertage für die Kirchen bieten.

Julian Sengelmann

Julian Sengelmann Foto: Privat

von Paula Konersmann

Herr Sengelmann, wie sind Sie auf das Thema "Feiertag" gekommen?

Vor vielen Jahren habe ich mit meiner damaligen Band eine Tournee durch Kamerun gemacht, und vor Ort haben wir eine Dokumentation gedreht. Durch Zufall war es dieselbe Produktionsfirma, mit der ich später das Format "FEIERtag! Sengelmann sucht..." entwickelt habe. Der Auftrag des NDR an die Produktionsfirma lautete, ein Religionsformat zu entwickeln. Ich war, glaube ich, der einzige Theologe, den sie kannten, der zugleich Schauspieler war. Gemeinsam haben wir überlegt, wie man Religion bei Menschen ins Gespräch bringen kann, die damit eigentlich nichts zu tun haben. Feiertage – feiern und frei haben – das finden erstmal alle gut, das war gewissermaßen der kleinste gemeinsame Nenner.

Sie sind Theologe, kennen sich also gut mit Feiertagen aus. Sie schreiben aber in Ihrem Buch, dass es auch für Sie die eine oder andere Überraschung gab. Wie erklären Sie sich das?

Ich bin evangelischer Theologe, und es gibt mehr katholische als evangelische Feiertage. Über die weiß ich erstmal gar nichts. Was genau Mariä Himmelfahrt ist, das steht bei uns Protestanten gar nicht im Kalender. Zugleich war es interessant, bei Feiertagen, die ich gut kenne und feiere, genauer hinzusehen. Die entscheidende Aufgabe war es dann, dafür eine Sprache zu finden, die auch Menschen verstehen, die nichts mit Religion zu tun haben. Das ist vielleicht auch eine gemeinsame Aufgabe für die Glaubensgeschwister aus beiden Kirchen.

Über welche Feiertage wissen die Menschen noch am ehesten Bescheid?

Weihnachten ist ein Volksfeiertag. Der Siegeszug von Weihnachten liegt auch darin begründet, dass es eine emotional aufgeladene Sehnsuchtszeit ist. Es gibt viel Merchandising, die Vorbereitung auf Weihnachten beginnt bereits Wochen vorher. All das ist im kollektiven Bewusstsein verankert, es verbindet die Menschen – diejenigen, denen die Hintergründe wichtig sind und diejenigen, die gar nicht genau wissen, was sie da feiern. Es gibt beides.

Manche Menschen sagen, gerade bei Weihnachten seien die Hintergründe doch nicht so wichtig – Hauptsache, man verbringt eine gute Zeit mit der Familie. Was würden Sie dem entgegnen?

Damit bin ich immer etwas vorsichtig. Das Motto meines Buchs lautet: Man muss nicht alles glauben, man kann aber alles wissen. Ich würde Menschen, die so argumentieren, nicht sagen, dass sie falsch feiern. Sie feiern eine Form dessen, was aus Weihnachten geworden ist, die für sie offenbar richtig ist. Und Weihnachten ist ein Fest, das die verschiedenen Formen zulassen kann. Es gibt Raum für Spiritualität, für die Kernfrage nach der Veränderung in der Welt, die dadurch kommt, dass Gott Mensch geworden ist. Vielleicht geht es in der Advents- und Weihnachtszeit gerade darum, die verschiedenen Elemente zu kombinieren: Zeit für sich selbst finden, für die Familie, für den Glauben.

Zugleich sind Feiertage auch vielen Menschen wichtig, die sich selbst nicht als religiös betrachten – das zeigen etwa die Debatten um "Wintermärkte". Ist das nicht ein Widerspruch?

Ich glaube, das hat viel mit Verklärung, mit einer melancholischen Sehnsucht zu tun. Der Autor Thomas Brussig hat geschrieben: "Glückliche Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis und reiche Erinnerungen". Dieser Satz passt zum Verhältnis vieler Menschen zu Weihnachten. Sie erinnern sich an vermeintlich bessere frühere Zeiten, etwa an die heimeligen Weihnachtsfeste der Kindheit. Und früher hieß es eben Weihnachtsmarkt, nicht Wintermarkt! – Das hört man auch von Leuten, die zum Beispiel mit der Kirchensteuer so ihre Probleme haben.

"Wir leben in einer Unzeit", schreiben Sie. Was meinen Sie damit?

Wir haben keine klaren Zeitstrukturen mehr: Wir sind ständig erreichbar, checken nachts noch unsere Mails. Das ergibt auch ökonomisch betrachtet keinen Sinn, denn entweder verliere ich Schlafenszeit, weil ich die Mail beantworte – oder, weil ich mich ärgere und darüber nachdenke. So oder so verliere ich. Wir haben vergessen, wann es an der Zeit wofür ist – und stoßen da inzwischen an eine Grenze des Machbaren. Eine Folge sind die hohen Burnout-Quoten.

Ist es eine Chance für die Kirchen, zu zeigen, dass Feiertage dagegen ein wenig helfen können?

Absolut. Feiertage machen im Kirchenjahr deutlich, dass alles seine Zeit hat, und sie können zum Innehalten anleiten. Streitigkeiten darüber, welche Feiertage staatlich geregelt sind oder ob man am Wochenende einkaufen darf, berühren genau diese Kernfrage. In der Bibel heißt es, am siebten Tag ruhte Gott – und er sah, dass es gut war. Diesen Moment der Reflexion, des Innehaltens und der Muße, durchatmen, zu sich selbst kommen – all das ermöglichen Feiertage.

Haben Sie einen Lieblingsfeiertag?

Das ist eine schwierige Frage. Aus theologischer Sicht ist mir der Karfreitag natürlich wichtig. Auch die Inszenierung, die es in meiner Heimatgemeinde gibt, ist am Karfreitag sehr eindrücklich. Das ist für mich wahrscheinlich der Moment, in dem ich am meisten über meinen Glauben nachdenke, über die biblische Geschichte und darüber, was das für meinen eigenen Weg bedeutet. (KNA)

Buch-Tipp
Julian Sengelmann: Feiertag! Die Bedeutung unserer christlichen Feste
Rowohlt, Hamburg 2017
240 Seiten, 10,99 Euro.
Das Buch können Sie in der Evangelischen Bücherstube bestellen.
Die Evangelische Bücherstube gehört zur Evangelischen Zeitung.

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