St. Josephkirche auf St. Pauli

Ein Mittagsgebet zwischen alten Knochen

Im Beinhaus unter der katholischen Kirche St. Joseph mitten auf St. Pauli liegen Gebeine aus dem 16. Jahrhundert. Jede Woche wird ein Gebet gesprochen – mit Blick auf alte Schädel und Knochen.

Blick in das Beinhaus der katholischen Kirche St. Joseph

Blick in das Beinhaus der katholischen Kirche St. Joseph Foto: Julia Fischer /epd

von Julia Fischer

Hamburg. Am Mittwochmittag laufen auf der Großen Freiheit auf St. Pauli die normalen Geschäfte – auch ohne Touristen, Neonlichter und laute Musik. Lieferwagen bringen Getränkekisten, Clubeingänge werden gefegt und die Buchhaltung gemacht. Doch ganz am Ende der Vergnügungsmeile kommen Menschen an einem sehr ungewöhnlichen Ort zusammen: In der Krypta unter der katholischen St. Joseph-Kirche findet immer mittwochs um 12 Uhr ein kurzes Mittagsgebet statt. Durch eine Glasscheibe gucken die Besucher dabei in das Beinhaus: In der ein Mal ein Meter kleinen Kammer sind Knochen und Schädel von 286 Toten aus dem 16. und 17. Jahrhundert aufgestapelt. 

Die Krypta, die über eine Treppe an der Außenseite der Kirche erreichbar ist, strahlt durch indirektes Licht, roten Backstein und helles Holz eine angenehme Wärme aus. Begleitet von den Klängen einer kleinen Holzorgel, treten vier Frauen ein und setzen sich auf die schlichten Holzbänke. Die Glasscheibe zum Beinhaus ist im Zentrum des Raumes. Das verbreitet eine respektvolle und ehrfürchtige Stimmung, alle sprechen gedämpft. Es ist ein Ort der Stille und des Gedenkens. 

Erst 2010 entdeckt

Von 1678 bis 1871 wurden auf dem Friedhof, der die damalige Kapelle umgab, die Toten bestattet. Etwas später auch in insgesamt fünf Gruften unter dem Kirchenschiff. Während des Zweiten Weltkriegs wurde St. Joseph stark zerstört und 1953 wieder aufgebaut. Die durch die Bombenangriffe freigelegten Gebeine wurden damals im Gewölbe unter dem Kirchenschiff eingemauert. 2010 wurden die Knochen und Schädel bei Ausgrabungen wiederentdeckt und von einem Archäologen-Team sorgfältig ausgehoben und gesäubert. 

Auf einer Zeittafel wird die Geschichte der Kirche und des Geländes drumherum in kurzen Texten erklärt und mit historischen Fotos belegt. In Vitrinen sind Fundstücke ausgestellt, die die Archäologen bei den Gebeinen im Gewölbe fanden: Grabbeigaben wie Kruzifixe und Schmuck, Tafeln mit Inschrift, Sargbeschläge und sogar zwei Zähne. 

Nur fünf Minuten dauert der Impuls von Pfarrer Karl Schultz aus dem Lukas-Evangelium. Nach Vaterunser und Segen verlassen die Besucherinnen den Raum schon wieder. Ilse Murr und Alma Palm kommen regelmäßig zum Mittagsgebet in die Krypta. "Es ist eine schöne Unterbrechung des Tages", sagt Murr, die in der Nähe wohnt. 

Kirche als "ältester Club" auf dem Kiez

Für Pfarrer Schultz hat die Krypta mit dem Beinhaus zwei wichtige Bedeutungen. Einerseits werden Touristen und sogar die Clubbesitzer aus der Nachbarschaft auf die Geschichte der Kirche und der Umgebung aufmerksam. Mit dem "Religionsprivilegium" gewährte Friedrich III. 1658 Altona die Religionsfreiheit. Denn die Straße, an der St. Joseph liegt, gehörte damals nicht zum evangelischen Hamburg, sondern zu Altona – und das war zu der Zeit dänisch. 

Darin hat der Straßenname Große Freiheit seinen Ursprung. Die Originalurkunde liegt in einer Vitrine in der Krypta. Und es wird deutlich, dass es die Kirche schon lange vor dem Rotlichtgewerbe gab. "Wir sind eindeutig der älteste Club hier", sagt Schultz und grinst verschmitzt. 

Andererseits ist die Krypta ein spiritueller Ort, an dem "kein Halligalli stattfindet", wie Schultz sagt. "Wir gestalten hier zwar keine Messen, aber andere Formen des Gebets." Lesungen und Musikveranstaltungen, bei denen der Gedenkort respektiert wird, finden auch regelmäßig statt. Zwei Mal gestaltete Schultz eine Trauerfeier für Menschen vom Kiez, die keine Angehörigen hatten. Jeden ersten Freitag im Monat gibt es bei "Auf dem Kiez vor dem Kreuz" Meditation und Gebet in der Krypta, von 21 bis 22 Uhr. Schultz: "Wir passen uns durchaus an unsere Nachbarschaft an." (epd)

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