Vor 200 Jahren gegründet

Das Liberale Judentum kommt aus Hamburg

Sie stritten für die Gleichberechtigung der Frau und Predigten in deutscher Sprache. Vor 200 Jahren begründete der Tempelverein in Hamburg das Liberale Judentum, das sich weltweit verbreitete.

Vor dem NDR-Gebäude erinnert ein Mahnmal an den einstigen Tempel.

Vor dem NDR-Gebäude erinnert ein Mahnmal an den einstigen Tempel Foto: Thomas Morell / epd

von Thomas Morell

Hamburg. Vor 200 Jahren, im Dezember 1817, gründeten 65 jüdische Hausväter den Hamburger Tempelverein. Er gilt als Wurzel des Liberalen Judentums, zu dem sich heute etwa 1,7 der weltweit 14 Millionen Juden zugehörig fühlen. Besonders weit verbreitet ist es in den USA. International werde das Jubiläum in den jüdischen Gemeinden Beachtung finden, sagt Andreas Brämer, Vize-Direktor des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden. "Die Welt blickt auf Hamburg." Die Hansestadt will das Jubiläumsjahr mit einem Senatsempfang, einer Konferenz und Konzerten begehen. 

Wesentliche Merkmale des Liberalen Judentums sind die Gleichberechtigung der Frauen, Predigten in deutscher Sprache und der Einsatz von Musikinstrumenten. Statt auf die strenge Befolgung der Gebote wird mehr Wert auf ethisches Handeln und den Dialog mit der nichtjüdischen Gesellschaft gelegt. Anhänger waren in Hamburg vor allem Mitglieder der bürgerlichen Oberschicht. Die Gründer hofften vor allem auf eine Wiederbelebung des Judentums. Statt von einer Synagoge sprachen sie von ihrem "Tempel".

Streit entzündete sich am Gebet-Buch

Frühe Reformbestrebungen gab es bereits in Westfalen, Seesen und Berlin. Hamburg ist nach Einschätzung von Brämer allerdings der Ort, wo das Liberale Judentum "Wurzeln schlägt". Der erste Konflikt mit der jüdischen Einheitsgemeinde entzündete sich an dem neuen Gebet- und Gesangbuch. Weil viele der Gründerväter sich in Hamburg heimisch fühlten, strichen sie Texte, in denen Gott um eine Rückkehr nach Palästina gebeten wurde.

1818 mietete der Tempelverein ein Hinterhof-Lokal in der Neustadt (Alter Steinweg). Es gab eine Orgel zur Chor-Begleitung, und es fehlte der Sichtschutz zwischen Frauen und Männern. Die Geistlichen trugen ein Ornat, das dem Talar der lutherischen Pastoren ähnelte. Die ersten Jahre waren davon geprägt, ein eigenes Profil zu entwickeln, ohne dass es zum Bruch mit der Einheitsgemeinde kam. Der Tempel fand 1843 auch Eingang in Heinrich Heines "Wintermärchen": "Die Juden teilen sich wieder ein/ In zwei verschiedne Parteien;/ Die Alten gehen in die Synagog,/ Und in den Tempel die Neuen."

1844 wurde ein neuer Tempel in der Neustadt (Poolstraße) für 350 Männer und 290 Frauen eröffnet. Die dreischiffige Basilika stand zwar in einem Hinterhof, war aber frei stehend. Männer und Frauen saßen getrennt, durften aber den gleichen Eingang benutzten. Der Tempel wurde 1944 durch Bomben zerstört. Nur einige Ruinenstücke sind noch erhalten.

Als der Krieg begann

In der zweiten Hälfte der 19. Jahrhunderts entspannte sich das Verhältnis zur Jüdischen Einheitsgemeinde. Auch Orthodoxe öffneten sich zunehmend der europäischen Kultur und nutzten die Emanzipation der Juden. Dem Tempelverein dagegen ging die Ausstrahlung verloren. Das Interesse am Gottesdienst war hier offenbar nicht sehr ausgeprägt.

Das änderte sich Ende der 1920er Jahre, als der Tempelverein eine ungeahnte Blüte erlebte. Der zunehmende Antisemitismus führte offenbar dazu, dass sich viele Juden auf ihre geistlichen Wurzeln besannen. Gottesdienste und Vorträge wurden wieder gut besucht. 1931 wurde im Stadtteil Rotherbaum (Oberstraße) ein neuer Tempel mit 1.200 Plätzen gebaut. 

Mit Hitlers Machtergreifung 1933 begann die systematische Ausgrenzung der Juden. Während der Reichspogromnacht 1938 wurde der Tempel in der Oberstraße verwüstet und später von der Stadt beschlagnahmt. Liberale Gottesdienste gab es dann noch bis 1942 in einem Logensaal. 1943 wurde der Tempel aus dem Vereinsregister gestrichen. Nach dem Krieg kaufte 1953 der NWDR, Vorläufer des NDR, das Gebäude. Heute befindet sich hier das Rolf-Liebermann-Studio des NDR. Vor dem Gebäude erinnert ein Mahnmal an den einstigen Tempel.

In der Nachkriegszeit sammelten sich die wenigen Hamburger Juden in der Einheitsgemeinde. Eine liberale Gemeinde wurde erst wieder 2004 gegründet. Ihr Kulturhaus befindet sich heute im Karolinen-Viertel. "Liberales Judentum ist offen für die Ideen des Humanismus, der Philosophie und für wissenschaftliche Erkenntnisse," heißt es in ihren Leitlinien. Weitere liberale Gemeinden gibt es heute unter anderem in Bad Segeberg, Ahrensburg, Pinneberg und Elmshorn. (epd)

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