Der Hamburger Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer im Interview

"Allein gelassen auf der Straße"

Nur noch ein paar Wochen, dann startet das Winternotprogramm der Stadt Hamburg. Aber reicht diese Hilfe? Im Interview spricht Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter beim Straßenmagazin "Hinz&Kunzt", über Versäumnisse der Stadt, Langeweile auf der Straße und Gewalt unter Obdachlosen.

Ein Bettler sitzt auf einer Brücke

Ein Bettler sitzt auf einer Brücke Foto: Dieter Sell / epd

von Catharina Volkert

Wenn ich in Hamburg unterwegs bin, sehe ich immer Menschen, die um Geld bitten. Wem soll ich etwas geben?

Wenn ich einen Euro in der Tasche habe und gut drauf bin, dann gebe ich etwas. Dieser eine Euro tut mir nicht weh. Ich mache mir keine Gedanken, ob der Mensch wirklich das Geld braucht oder sich eine Flasche Schnaps kaufen will. Das überlasse ich ihm – mich fragt ja auch keiner, was ich mit meinem verdienten Geld mache. 

Sind bestimmte Menschen besonders gefährdet, auf der Straße zu landen?

Es kann jeden treffen – dass man in Depression verfällt, seine Briefe nicht mehr öffnen mag, nicht zur Arbeit gehen kann und irgendwann der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht. Aber es trifft am häufigsten diejenigen, die wenig Geld haben. Der größte Posten ist die Miete – nach zwei nicht gezahlten Mieten bekomme ich die fristlose Kündigung. Auch Menschen ohne Freundes- und Bekanntenkreis trifft es schneller.

Die kalte Jahreszeit naht. Ist die Stadt darauf vorbereitet?

Nein, die Stadt ist überhaupt nicht auf die Kälte vorbereitet. Hamburg muss ganzjährig Unterkünfte für alle Obdachlosen bereithalten, dann bräuchte man kein so großes Winternotprogramm. Wir haben etwa 2000 Personen, die auf der Straße leben. Es sollte für eine Großstadt überhaupt kein Problem sein, denen eine akzeptable Unterkunft zu bieten. Man tut sich schwer, es heißt, da kämen noch mehr Arme nach Hamburg. Im vergangenen Winter hieß es, dass es Menschen gibt, die freiwillig obdachlos sind, weil sie eine Adresse in Osteuropa haben. Sie mussten die Notunterkunft verlassen und bekamen eine Fahrkarte nach Hause. Sie fuhren aber nicht.

Freiwillige Obdachlosigkeit – gibt es das?

Nein. Man ist nicht freiwillig obdachlos, wenn man durch Europa fährt und gezwungen ist, Geld einzutreiben. Ein Bettler, der seine Hand ausstreckt, kauft sich davon keinen Mercedes, sondern schickt das Geld nach Hause, damit seine Kinder davon leben können. 

Ich habe häufig das Gefühl, dass Menschen auf der Straße verwahrlosen…

Als Sozialarbeiter sieht man, wie Menschen auf der Straße allein gelassen werden und Jahr für Jahr auf der Straße leben. Und wie Leute im Winter immer wieder im Winternotprogramm sind, morgens rausgelassen werden, abends wieder rein müssen. Aber der Körper erholt sich dort nicht. Die Menschen werden immer kränker. Sie liegen in einem Raum mit psychisch Kranken, Drogenabhängigen, die nachts schreien, oder Menschen, die sich nicht waschen, weil sie keine Lust haben oder kein Körpergefühl haben. Und dafür sollen sie dankbar sein… 

Einige Menschen haben ja Plätze in festen Unterkünften.

Ich glaube, dass die Motivation der Leute, die in einem Wohnheim wohnen, geringer ist als bei denjenigen, die auf der Straße leben. Denn sie strukturieren ihren Tag: Sie duschen, stellen ihr Gepäck ab. Auch ein Hund gibt Struktur, man muss für ihn sorgen. Viele haben eine gewisse Hoffnung: Wenn ich eine Wohnung habe, habe ich eine Arbeit. Aber diejenigen, die einen Platz in einer Unterkunft haben, kommen da oft nicht so schnell raus.

Wenn man den ganzen Tag auf der Straße ist, ist das nicht langweilig?

Ich glaube, wenn man Obdachlose fragt, sagen sie, das ist nicht langweilig. Aber sie stumpfen ab. Vielleicht muss man das auch, um nicht in tiefe Depression zu verfallen. Die meisten nehmen Alkohol, um das Leben auszuhalten. Das ist für mich schon so eine Art Medikament. Wohnungslose, die sich nicht betäuben und keinen Alkohol trinken, fallen mir hingegen richtig auf.

Nimmt die Gewalt auf den Straßen zu? 

Ja, der Kampf auf der Straße wird härter. Es gibt eine Abstufung zwischen Osteuropäern und denjenigen, die keinen Rechtsanspruch haben und keine Sozialhilfe kriegen. Dann sehen sie neue Schuhe beim anderen und klauen sie. Auch die Tagesaufenthaltsstätten sind voll. Wenn Menschen duschen wollen, sich eine Duschmarke ziehen, zwei Stunden warten müssen und sie sehen, dass ganz viele Osteuropäer vor ihnen in der Schlange stehen, geben sie diesen Menschen die Schuld. 

Was tut Obdachlosen gut?

Geben, statt immer nur zu nehmen. Sie können zuhören, kochen, erzählen. Wir waren mit einer ziemlich großen Gruppe im Rom, beim Papst, sie geben nun. Einen von ihnen bezeichnen wir hier als den heiligen Reiner. Er hat mit dem Papst gesprochen und schwärmt immer noch von der Reise. Die anderen sind erst genervt. Dann sagen sie, „ich wäre auch gerne mitgefahren“. Reiner sagt: „Ich hab zwar nichts, aber diese Geschichte gehört mir. Die kann mir keiner nehmen.“

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