Einsichten – die christliche Kolumne

Nicht zu fassen

Über den Begriff „Gotteshaus“ schreibt Pastor Tilman Baier. Er ist Chefredakteur der Kirchenzeitung in Schwerin.

Der Predigttext des folgenden Sonntags lautet: „Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen.“ aus 1. Könige 8, 22-29

Der Blick geht über den Altar hinaus ins Weite. Über der Gottesdienstgemeinde, die sich auf Klappstühlen unter den großen Linden am Ende des Dorffriedhofs niedergelassen hat, wölbt sich ein blauer Himmel. Angelockt durch den Gesang nähern sich auf der nebenstehenden Koppel ein paar Kühe. Die Idylle ist fast zu perfekt, um wahr zu sein.

Doch warum zieht es eigentlich auch Gemeinden, die ein mit viel Liebe, Geld und Mühe saniertes „Gotteshaus“ besitzen, am Fest Christi Himmelfahrt ins Freie? Ist es die Sehnsucht nach mehr Himmel, nach mehr Weite, nach Grenzenlosigkeit und Freiheit?

Ich erinnere mich, wie ich als Kind mit leichtem Schauder an dem Holzgitter stand, mit dem die große Stadtkirche alltags verschlossen war. Gespannt schaute ich hindurch, um im dämmrigen Inneren Gott zu entdecken, der hier wohnen sollte, wie die Erwachsenen sagten. Mir kam es falsch vor, dass der große Gott hier hinter dem Gitter eingesperrt wurde.

„Gotteshaus“ als oft gebrauchte Bezeichnung für eine Kirche hat seitdem für mich einen negativen Klang. Nein, unsere Kirchengebäude sind keine Gotteshäuser, in die sich Gott für unseren sporadischen sonntäglichen Gebrauch einsperren lässt.

Als König David seinem Gott anstelle des alten, mobilen, heiligen Zeltes der Ahnen einen Tempel bauen will, wird ihm das verwehrt. Zu groß ist die Versuchung, Gott hier zu zähmen und festzubinden zur gefälligen Verfügung. Erst als sein Sohn Salomo begreift, dass solch ein heiliges Gebäude nicht für Gott, sondern für uns Menschen wichtig ist; erst als er bekennt, dass selbst „der Himmel und aller Himmel Himmel“ Gott nicht fassen können, darf er den Tempel bauen.

Nein, Gott ist nicht zu fassen, festzubinden, einzusperren. Daran erinnert dieses Fest Christi Himmelfahrt. Der, der sich aus freien Stücken foltern und ans Kreuz für uns schlagen ließ, entzieht sich als Auferstandener unserem oft so gierig-religiösen Zugriff. Was uns aber bleibt, ist seine Zusage: Ich bin bei euch bis an der Welt Ende.

Unser Autor
Pastor Tilman Baier
ist Chefredakteur der Kirchenzeitung in Schwerin.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

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