Einsichten – die christliche Kolumne

Kraft tanken

Über einen Blick auf das Kreuz schreibt Susanne Schumacher. Sie ist Pastorin in Eichede (Schleswig-Holstein).

Der Predigttext des folgenden Sonntags lautet: Früh am Morgen ging er an einen einsamen Ort, um zu beten. aus Markus 11, 35 

Es liegt Tau auf dem Gras. Die Mondsichel steht noch am Himmel. Schon wird es im Osten hell. Bald werden die Amseln Sonne trinken. Er sitzt an einen Baum gelehnt. Die Hände liegen in seinem Schoß. Später werden sie sich unermüdlich regen, zart berühren, kraftvoll stützen, wundersam heilen. Aber jetzt noch nicht. Jetzt ist er ganz Ohr. Er lauscht in die Stille. Er hört auf sein Herz. Er betet. Er ist nicht das, was er später tun wird. Er ist ohne Anspruch. Im Hören geschieht es ganz ohne sein Zutun. Er bindet sich an Gottes Kraft, die Energie fließt ihm zu. Zwei Ohren und keine Hand.

Sie blättert im vollen Terminkalender. Direkt nach den Urlaubstagen ist besonders viel los. Und ihr Anspruch an sich selbst ist hoch. Jeder Mensch, der vor ihr sitzt, ist es wert, dass sie ihn konzentriert und zugewandt hört. Das geht nicht mit halbem Ohr. Die Hände können derweil nichts tun. Sie ruhen im Schoß. Sie ist ganz bei der Sache. Sie schöpft aus ihren Reserven. Später, erst später wird sie anrühren, stützen, heilen. Zwei Ohren und keine Hand.

Der Kopf schmerzt. Etwas sitzt ihr im Nacken. Ihre Dämonen, die ewigen Widerspruchsgeister krallen sich fest. Selbst das Gute stellen sie immer noch in Frage. Bist du dir sicher? Darfst du das? Sie finden immer ein Aber, geben sich nicht so einfach geschlagen. 

Sie spürt den Zwang im Nacken. Und sie weiß: Die Grenze ist erreicht. Sie muss hier weg, braucht den Spaziergang unter alten Bäumen, damit es in ihr wieder still wird. Sie betet. Im Gehen klappt es bei ihr am besten. Sie hört das Rauschen der Blätter. Sie hört tief in sich hinein. Ihre Arme hängen locker von den Schultern herunter. Das Sonnenlicht lässt sie blinzeln. Es fließt in ihren Körper. Sie spürt Gottes Kraft. Sie hebt den Kopf. Zwei Ohren und keine Hand.

„Wo bleibst du denn?“ Die Stimme der Mitarbeiterin klingt vorwurfsvoll. „Wir warten schon alle auf dich!“ Sie nickt. Es gibt viel zu tun. Auf ihren Schreibtisch legt sie ein paar Blätter. Im Gehen fällt ihr Blick darauf. Sie erkennt ein Kreuz.

Unsere Autorin
Susanne Schumacher
ist Pastorin der Kirchengemeinde Eichede (Schleswig-Holstein).

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

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