Europäische Jugendliche treffen sich

Die Brückenbauer in spe

Sie kommen aus der Ukraine oder aus Polen nach Niedersachsen: In der Gedenkstätte Lager Sandbostel treffen sich Jugendliche – um später zu Trägern eines friedlichen Europa zu werden.

Seit 2014 treffen sich Tarmstedter Schüler mit Jugendlichen aus Polen und der Ukraine

von Stefan Korinth

Sandbostel/Tarmstedt/Oese. Die Baracken stehen bis heute. Kürzlich erwarb die Gedenkstätte in Sandbostel ein Grundstück, das früher zum Lager gehörte. Hier werden sich Ende April ukrainische, polnische und deutsche Jugendliche versammeln und das Gelände erschließen. Die Arbeit soll sie nicht nur an Schrecken vergangener Konflikte mahnen, sie soll auch helfen, dass solche Auseinandersetzungen nicht mehr stattfinden.
Die Kooperative Gesamtschule  (KGS) in Tarmstedt ist eine Europaschule. „Wir haben schon lange gute Kontakte nach Nord- und Westeuropa“, erläutert Geschichts- und Politiklehrer Markus Wollny. Seit 2014 richtet die Schule ihren Blick aber auch gen Osten. Zum dritten Mal gibt es nun solch ein Treffen mit polnischen und ukrainischen Gleichaltrigen.

Vorurteile sollen abgebaut werden

Bislang trafen sich die Jugendlichen im polnischen Kreisau (Krzyżowa). Dort auf dem früheren Gutshof der Familie von Moltke in Niederschlesien gibt es eine Jugendbegegnungsstätte. Wie auch andere Schulpartnerschaften und Austauschprojekte sollten die Treffen die europäische Verständigung fördern. Genau darum geht es nun auch wieder in Oese und Sandbostel. „Der europäische Gedanke ist ja derzeit etwas am Bröckeln“, sagt Wollny, der das Begegnungsprojekt gemeinsam mit seiner Kollegin Anna Jungclaus organisiert.
Die 48 Jugendlichen zwischen 15 und 17 Jahren werden sich zuerst in der Jugendbildungsstätte in Oese kennenlernen. „Zwei Tage lang wollen wir da versuchen, Sprach- und Kontaktbarrieren abzubauen“, erklärt der Lehrer. Gemeinsame Sprache soll dabei das Englische sein. Es gehe darum, Vorurteile zu entkräften. Noch immer hielten manche junge Deutsche die Polen für Diebe und die Ukrainer für Trinker. Auch umgekehrt gebe es Klischees von reichen Deutschen in dicken Autos, weiß Wollny.
Ab dem 25. April sind die Schüler dann im Lager Sandbostel aktiv. Hier sollen sie zuerst die Geschichte des Ortes kennenlernen, an dem  10 000 bis 15 000 sowjetische Soldaten, darunter viele Ukrainer, umgekommen sind. „Dieser Ort hier fragt die Jugendlichen permanent, in welcher Welt sie leben wollen“, sagt Michael Freitag-Parey. Der Diakon arbeitet als Friedenspädagoge an der Gedenkstätte. „Das ist etwas anderes, als wenn man in ein Buch guckt. Hier kann ich fühlen und anfassen.“

Begegnungen sind wichtiger denn je

Da viele der Opfer in Massengräbern verscharrt wurden, gibt es keinen Gedenkort für sie. Ein „Namensziegel“-Projekt soll ihnen ihre Würde wiedergeben. Die Jugendlichen des Begegnungsprojektes werden solche Ziegel mit den Namen und Sterbedaten der Rotarmisten anfertigen, erklärt Freitag-Parey. Danach werden sie gruppenweise verschiedene Workshops besuchen. Unter anderem legen sie auf dem bereits erwähnten Grundstück Fundamente von 1939 und 1940 von polnischen Kriegsgefangenen  errichteten Baracken frei. In einem anderen Workshop sollen die Schüler aus ihrem eigenen Empfinden heraus Denkmäler entwerfen. „Wir wollen mit den Entwürfen auch weiterarbeiten.“
Freitag-Parey ist überzeugt vom Wert solcher Projekte: Man verstehe Menschen anderer Länder viel mehr, wenn man ihnen begegne, als wenn man nur über sie lese. Solche Projekte seien heute vielleicht wichtiger denn je, so der Friedenspädagoge. „Verständnis kommt von Verständigung.“
Zum Gedenktag an die Befreiung des Lagers am 29. April, bei dem unter anderem auch Landesbischof Ralf Meister zu Gast sein wird, stellen die Jugendlichen die Ergebnisse ihres Workcamps vor.

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